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Foto: Christina Kuhaupt

CzV verpflichtet neuen Hockey-Trainer

Man nehme: ein Spielfeld, zwei Spieler, zwei Schläger, einen Ball, einen Hund. Kamera raus, später lustige Musik über die Aufnahme legen. Ein weiteres lustiges Hockey-Video entsteht. Der Hund jagt, auf engstem Raum, dem Ball nach. Bis er nicht mehr kann beziehungsweise will. Er kriegt ihn einfach nicht. Die Hockey-Jungs sind so geschickt mit Schläger und Ball, dass sie den Hund immer wieder austricksen.

Es gibt viele von diesen Videos im Internet. Sie kommen von Self-Pass, das ist eine Online-Plattform für Hockey. Videos, Blog-Einträge, ein Shop zum Einkaufen, ein Event-Kalender und so weiter. Es ist nicht irgendeine Plattform, es ist, zumindest nach eigener Auskunft, die größte Hockey-Plattform der Welt. Mit Fußball- oder, sagen wir mal, Schminktipp-Kanälen kann sie nicht mithalten, aber sie hat aktuell 103 000 Abonnenten auf Insta­gram. Immerhin. Und der Mann, der Self-Pass gegründet hat und betreibt, lebt seit zwei Wochen in Bremen.

Bernardo Fernandes wohnt jetzt an der Bürgermeister-Spitta-Allee in direkter Nachbarschaft zum Club zur Vahr. Was nicht nur zufällig so nah dran ist am Bremer Traditionsklub, er hat bei ihm für zwei Jahre einen Vertrag unterschrieben. Er ist der neue Trainer der ersten Herren, die an diesem Sonntag bereits in die Pflichtspiele der Regionalliga-Saison einsteigt. Dazu betreut Fernandes noch die U 14 und die U 19.

Den Film „Hockey ist sein Leben“ gibt es nicht. Aber falls er mal gedreht wird, müsste er zumindest diesen Arbeitstitel bekommen. Bernardo Fernandes, 32 Jahre alt und geboren in Cascais bei Lissabon, ist obendrein der Auswahltrainer der portugiesischen Männer-Nationalmannschaft. Trainer von Portugals U 21, der erste übrigens, der mit Portugals Nachwuchs den Aufstieg in die europäische A-Division schaffte: Bernardo Fernandes. Seinen Alltag muss man sich grob so vorstellen, dass er von Herbst bis Frühjahr abzüglich des freien Montags täglich für den Club zur Vahr arbeitet, und im Sommer mit Portugals Auswahlteams unterwegs ist. Dazu immer wieder Workshops und im Schnitt eine Stunde pro Tag Content, wie man das im Online-Deutsch nennt, produzieren oder organisieren für Self-Pass. Die Plattform, sagt er, sei durchaus etwas, womit er und sein Team – vier Jungs aus Portugal, einer aus Belgien – Geld verdienen.

Hockey ist in Portugal keine Riesennummer, aber für diesen jungen Portugiesen ist Hockey eine Riesennummer. Man darf wohl sagen, dass er irgendwie auch eine Nummer im Hockey ist. Wie kommt so ein Mann zu einem Drittligisten nach Norddeutschland? Zum einem liegt das daran, dass Hockey in Deutschland zwar auch kein Massensport ist, aber deutlich professioneller und auf deutlich höherem Leistungsniveau betrieben wird.

Zum Zweiten liegt es daran, dass Nico Wenzel eine gute Idee hatte. Wenzel ist ein Spieler beim Club zur Vahr. Ein Spieler mit einem portugiesischen Elternteil, weswegen er auch portugiesischer Nationalspieler ist. Er wusste, dass sein Nationaltrainer auf der Suche nach einem neuen Klub ist, er vermittelte den Kontakt nach Bremen, die Dinge nahmen ihren Lauf. Und demnächst ist also Bernardo Fernandes auch Nico Wenzels Vereinstrainer. Wenn Portugal nicht eben als hockeyverrücktes Land beschrieben werden kann, wäre da dann noch zu klären, wie es passieren konnte, dass ein Junge aus der Nähe Lissabons sich in den Hockeysport verguckt hat. Portugal ist Fußballland. Es ist das Land von Eusebio, Figo, Ronaldo. Außerdem gibt es in der Nähe von Lissabon eine populäre Formel-1-Rennstrecke.

Ja, er sei als Kind ein Fan von Ayrton Senna gewesen, dem Super-Rennfahrer seiner Zeit. Und ist zum Judo gegangen. Aber es habe, so erzählt es Bernardo Fernandes, dann so etwas wie ein frühes Aha-Erlebnis gegeben. Ein Schulfreund hat bei einem Hockey-Turnier als Torwart aushelfen müssen und habe Fernandes zum Zuschauen überredet. Der sitzt jetzt auf der Terrasse am Vahrer Klubhaus und gesteht: „Da habe ich mich in Hockey verliebt.“ Er wurde Hockey-Spieler.

Dass er auch Hockey-Trainer wurde, hängt mit einem zweiten Aha-Erlebnis zusammen. Er sei 20 gewesen, erzählt Fernandes, als er danach für drei Jahre bei einem Klub in Valencia spielte. Der dortige Trainer, sein Enthusiasmus, seine Ansprache an die Spieler, seine Diskussionen mit den Spielern, das habe ihn fasziniert. „Er war wie ein Lehrer, der selbst immer lernen wollte“, sagt Fernandes. Er ging zurück nach Lissabon, konnte wegen einer Verletzung nicht spielen – und hatte viel Zeit zum Nachdenken. Als Trainer hast du doch praktisch noch mehr Einfluss auf das Spiel als ein Spieler, dachte er sich. Er begann, die Lizenzen zu machen.

Mit 25 zog Bernardo erneut weg aus dem schönen Cascais. Es zog ihn nach Holland, in eine Supermacht des Hockeys, wenn man sie mal mit Portugal vergleichen wollte. Sechs Jahre lang blieb Bernardo Fernandes in Venlo. Anfang und Ende dort unterschieden sich sehr deutlich. Was nicht nur daran lag, dass er anfangs kein und später fließend Holländisch sprach. Man wusste zunächst nicht viel anzufangen mit dem jungen Mann aus dem Hockey-Exotenland. Man ließ ihn die sechste Herren-Mannschaft trainieren.

Der Aufstieg ging flott. Schon bald bekam Fernandes, so erzählt er es, das Angebot, als Technischer Direktor zu arbeiten. Als er 2017 ging, ging er als erfolgreicher Trainer der ersten Herren und Frauen des Vereins. Er habe noch mehr von der (Hockey-)Welt sehen wollen, sagt er. Und wurde Trainer in Antwerpen. Die Kurzform über seine Zeit dort: Stadt und Leute haben ihm gefallen. Der Job: ging so.

Und nun ist er halt hier. Zwei Tage Urlaub hat er gehabt, bevor der Umzug anstand. Zuvor war er noch mit Portugals U 21 in Tschechien, dann mit der Männer-Auswahl in Gibraltar unterwegs. Digital unterwegs ist er, der Hockey-Handlungsreisende, ja sowieso rund um die Uhr und überall. Die meisten seiner Self-Pass-Follower, sagt Bernardo Fernandes, kämen aus Argentinien, Indien, England, den Benelux-Ländern – und eben Deutschland. Seiner neuen Heimat.

Auftakt gegen Heimfeld

So kurz war die Vorbereitung auf die neue Saison womöglich noch nie. Kurz nach den Ferien und zwei Wochen früher als im vergangenen Jahr steigt der Club zur Vahr mit der Mannschaft des neuen Trainers Bernardo Fernandes in die Regionalliga-Saison ein. Viele Spieler trifft Fernandes, selbst erst seit Kurzem in Bremen, erst wenige Tage vor dem Auftaktspiel am Sonntag gegen die TG Heimfeld (14 Uhr, Club zur Vahr an der Bürgermeister-Spitta-Allee). Kurzfristig überblickt, habe er eine Mannschaft mit etlichen jungen Talenten zur Verfügung, sagt Fernandes. Dennoch sei die aktuelle Stärke des Kaders angesichts der Umstände schwierig einzuschätzen. Mittel- oder langfristig gesehen, hält Fernandes, sollte der Kader über einen längeren Zeitraum weitgehend zusammenbleiben können, einen Aufstieg in die zweite Liga für durchaus möglich.

Von Olaf Dorow


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