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Eine Herzensangelegenheit

Weser Kurier: Chantal Bausch kommt gerade vom Golf. Oder war es Hockey? Vielleicht aber auch Tennis. Alles ist möglich bei der 24-jährigen Bremerin. Ihre Leidenschaft für Sport ist gerade mit WM-Silber garniert geworden – und zwar gleich drei Mal. Die Medaillen holte die Studentin im Speerwurf, Golf und Tennis-Doppel. Das Besondere an ihrer Leistung: Chantal Bausch hat im Alter von zwölf Jahren ein neues Herz bekommen. Bereits zum dritten Mal nahm sie danach an Weltmeisterschaften für transplantierte Menschen teil – zuletzt an den World Transplant Games vom 25. Juni bis 2. Juli in Malaga. Und jedes Mal reiste sie mit Gold, Silber oder Bronze nach Hause. „Ich habe so ein Glück gehabt“, sagt Chantal Bausch. Damit meint die 24-Jährige ihre sportlichen Leistungen, vor allem aber, dass es ihr mit ihrem Spenderherz so gut geht. „Dass ich all das tun kann, was ich am liebsten mache.“ Und das ist der Sport. Aufstieg in die Regionalliga Schon als Kind hat sie alles ausprobiert, was ihr Spaß macht. „Mein Hauptsport ist allerdings Hockey“, sagt Chantal Bausch. Für die Hockey-Damen des Clubs zur Vahr steht sie im Tor, erst Mitte Juni hat sie gemeinsam mit ihrem Team den Aufstieg in die Regionalliga geschafft. Die 24-jährige Bremerin spielte dabei eine entscheidende Rolle. Für Chantal Bausch ist ihre Teilnahme an Sportwettbewerben wie deutschen und internationalen Meisterschaften für Transplantierte im wahrsten Sinne des Wortes zu einer Herzensangelegenheit geworden: „Ich möchte zeigen, was durch eine Transplantation wieder möglich ist, dass ich wieder ein ganz normales Leben führen kann.“ Diese Botschaft richtet sie an Transplantierte. Sie möchte aber vor allem auch andere Menschen dazu anstoßen, sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen und eine Entscheidung zu treffen. „Wenn man dem Thema ein Gesicht und eine persönliche Geschichte gibt, ist das oft eindringlicher und einfacher“, sagt sie. Die persönliche Geschichte für Chantal Bausch beginnt am 8. Juni 2005. Mit dem neuen Spenderherz, das der damals zwölfjährigen Bremerin das Leben rettet. Etwa ein Jahr vor diesem Tag hatte sich ihr Leben schlagartig verändert: Sie ist antriebslos und bekommt selbst beim Treppensteigen kaum noch Luft, sie ist völlig erschöpft, obwohl sie immer viel Sport treibt. Die Ärzte stellen als Ursache eine Herzmuskelentzündung fest, die das Organ irreparabel geschädigt hat. Ihr Zustand wird immer schlechter, Chantal Bausch pendelt zwischen Krankenhaus und ihrem Zuhause. „High Urgency“ Als die Situation besonders kritisch wird und die Ärzte in Bremen nicht mehr helfen können, wird sie ins Deutsche Herzzentrum nach Berlin verlegt. „In der ersten Nacht hatte ich gleich lebensgefährliches Kammerflimmern, in einer Notoperation habe ich dann ein Kunstherz bekommen.“ Es übernimmt die Arbeit des eigenen, kranken Herzens. Alle zwei Stunden müssen die Akkus in dem externen Gerät ausgewechselt werden. Außerdem wird sie auf die Liste für eine Herztransplantation gesetzt – mit dem Zusatz „High Urgency“ für höchste Dringlichkeit.Dreieinhalb Monate muss Chantal Bausch warten, bis zum 6. Juni 2005: Ein Herz ist da, die Zwölfjährige wird für die Transplantation vorbereitet, zwei Stunden liegt sie allein in einem Vorbereitungsraum, bis es heißt: Das Herz ist nicht in Ordnung. „Da ist für mich und meine Familie eine Welt zusammengebrochen, weil man nur für diesen Moment lebt. Man weiß ja nicht, wie lange dauert es noch, und reicht das?“ Zwei Tage später ist es soweit, die Zwölfjährige bekommt ihr neues Herz. Vor gut einem Monat hatte Chantal Bausch ihr Herzjubiläum. Seit zwölf Jahren schlägt das Spenderorgan in ihrer Brust. „Manchmal, wenn ich auf dem Rücken liege, wenn es ganz still ist und ich das Herz kräftig schlagen höre, ist das ein richtig gutes Gefühl“, sagt die junge Bremerin. Die erste Zeit nach der Transplantation war das ein ganz neues Geräusch, das sie so nicht mehr kannte. An seine Stelle war das regelmäßige Klicken des Kunstherzens getreten. Komplikationen nach der Transplantation Nach der Transplantation gibt es Komplikationen, die Nieren versagen, zwei Wochen liegt sie im Koma. Ein Jahr lang nach der Transplantation muss sie noch sehr vorsichtig sein, sie darf nur mit Handschuhen und Mundschutz nach draußen, damit sie keinen Infekt bekommt. Durch die Tabletten, die eine Abstoßung des Organs verhindern sollen, ist das Immunsystem unterdrückt. „Aus heutiger Sicht war es sehr vorteilhaft, dass ich noch ein Kind war“, sagt sie. „Das Alter hat auch davor geschützt, dass ich mir zu viele, zu tiefe Gedanken gemacht und Ängste entwickelt habe. Die Situation war mir aber immer bewusst.“ Sobald es wieder möglich ist, fängt sie mit dem Sport an: Hockey natürlich, Golf und Tennis. Der Sport kräftigt ihren Körper, die Ärzte raten ihr dazu, aber auch, es nicht zu übertreiben. Die Blutkontrollen alle drei Wochen zeigen, dass es ihr gut geht. „Die Hauptbelastung sind die Tabletten, die die Nierenfunktion beeinträchtigen können. Aber das ist alles in Ordnung. Die Dosierung wird immer angepasst.“ Zurzeit nimmt sie 13 Tabletten am Tag, darunter auch Vitamine. Jedes halbe Jahr muss Chantal Bausch zur Herzkontrolle nach Berlin. Auch das Spenderorgan ist vollkommen in Ordnung. „Die Transplantationsmedizin und vor allem auch die Medikamente entwickeln sich immer weiter, nach der Operation hat man uns gesagt: Wenn das Herz drei Jahre hält, ist das gut.“ Zwölf Jahre ist das jetzt her. „Angst habe ich nicht, es geht mir gut. Ich passe gut auf mich auf.“ Gänsehaut-Momente Wie gut Transplantierte mit ihrem Spenderorgan leben können, wie sehr Sport aus ihrer Erfahrung dabei hilft und was alles möglich ist, das erlebt Chantal Bausch regelmäßig bei Wettbewerben wie den World Transplant Games: „Dieses Mal ist zum Beispiel ein 83-jähriger Franzose über die 400 Meter an den Start gegangen, er hat seit 20 Jahren ein neues Herz. Der Mann ist so fit, und das freut mich so sehr. Das sind jedes Mal Gänsehaut-Momente“, sagt die Bremerin. Ihr Wunsch ist es, dass sich so viele Menschen wie möglich bewusst machen, dass es jeden treffen kann: sehr junge und ältere Menschen. „Jedes Mal, wenn ich zur Kontrolle im Herzzentrum in Berlin bin, über die Kinderstation gehe und dort ein dreijähriges Kind mit Kunstherz sehe, ist das extrem emotional“, sagt Chantal Bausch. „Deshalb ist es mir auch so wichtig, in die Öffentlichkeit zu gehen, um mich zu engagieren und über das Thema Organspende zu sprechen.“


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