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Foto: Michael Küpper

Die Magie von Bochum

Weser Kurier:Die Magie von Bochum Da saß er nun also: mit einer Flasche Wasser in der Hand auf einer Bordsteinkante in der Bochumer Innenstadt. Hinrich Arkenau hätte an diesem Abend die ganze Welt umarmen können. Er hätte seine Freude hinausschreien und mit jedem vorbeigehenden Passanten teilen können. Doch Hinrich Arkenau hockte einfach nur da – allein. In seinem Rücken ein Italiener. Das Lokal voll besetzt, es war kein Platz mehr zu bekommen. Da er aber Lust auf eine Pizza verspürte, hatte er einfach mal bestellt – und wartete nun also vor dem Restaurant auf sein Essen. Für Kurzweil sorgte dabei das Mobiltelefon. Die Kunde von Arkenaus historischem Coup hatte sich am späten Nachmittag bereits über die sozialen Medien in Windeseile verbreitet. Weit über 300 Nachrichten gingen binnen kurzer Zeit auf seinem Handy ein. Die Glückwünsche über Whatsapp, sie erreichten ihn aus aller Welt. Arkenau nutzte die Wartezeit aber auch, um mit seiner Mutter Gertrud in Lohne (Landkreis Vechta) zu telefonieren und ihr zu gratulieren. Denn seine Mutter feierte an diesem Tag ihren 60. Geburtstag – in Abwesenheit von Sohnemann Hinrich, der indes gute Gründe dafür hatte und ihr überdies ein ganz besonderes Geschenk bereitete: „Eine 59 zum 60sten“, sagt Hinrich Arkenau und lacht. Am Ehrentag der Mutter hat der Profigolfer aus Bremen bei den Sparkassen Open in Bochum tatsächlich eine 59er-Runde gespielt – auf einer Par-72-Anlage. Für eine 18-Loch-Runde, die im Schnitt auf 72 Schläge ausgelegt ist, hat Arkenau also 13 Versuche weniger benötigt. Der 27-Jährige spielte dabei fünf Pars und 13 Birdies. Der Jungprofi vom Club zur Vahr reiht sich damit in einen sehr kleinen, elitären Kreis von Spielern ein, denn zuvor gelang es weltweit (!) nur 13 Profis, auf einem Par-72-Platz eine 59 zu spielen. Hinrich Arkenau ist nun also die Nummer 14. Und er ist nach dem deutschen Top-Golfer und zweifachen Major-Turnier-Sieger Martin Kaymer, dem dieses Kunststück im Jahr 2006 bei der Habsberg Classic gelang, erst der zweite Deutsche, der eine Runde bei einem offiziellen Turnier mit einem solchen Resultat auf der Scorerkarte beendete. „Die 59 ist die magische Zahl im Golf – es ist für alle Profis so etwas wie ein überirdisches Ziel“, sagt Hinrich Arkenau und findet einen Vergleich zur Leichtathletik: „Früher“, sagt Arkenau, „früher hatten die 100-Meter-Sprinter doch stets dieses eine große Ziel, irgendwann mal unter zehn Sekunden zu laufen. So muss man sich das auch bei uns Golfern vorstellen.“ Der Golfer Hinrich Arkenau hat also etwas sehr Seltenes und Anerkennenswertes vollbracht – und entsprechend groß war die Resonanz. „Es war schon krass, wie schnell das Ergebnis die Runde gemacht hat. Das hat richtig Wellen geschlagen“, sagt Arkenau. Nach Beendigung seiner Traumrunde war der Bremer nur kurz losgegangen, um sein Handy zu holen und zur Erinnerung ein Foto von der Scorerkarte zu machen, „da wurden mir schon 80 ungelesene Nachrichten angezeigt“. Erst da realisierte er allmählich, was er soeben Großes, ja Herausragendes geleistet hatte. Und ja, in dem Moment bekam er tatsächlich noch weiche Knie. Auf den Grüns des Bochumer Golfclubs war das zuvor noch ganz anders gewesen. Da war Hinrich Arkenau voll im Flow. Der Rhythmus stimmte, die Annäherungsschläge passten, die Bälle lagen jeweils dicht an der Fahne – „und die Putts gingen auch ins Loch“. Arkenau spielte einfach vor sich hin, Loch für Loch. Er freute sich über jedes Birdie, also jedes Loch, für das er einen Schlag weniger als vorgesehen benötigte. „An eine 59“, sagt der Bremer, „nein, daran habe ich zu keinem Zeitpunkt gedacht.“ Und zwar solange nicht, „bis der letzte Putt mittig ins Loch gelaufen ist“. Da war sie dann plötzlich, diese 59er-Runde! Als Hinrich Arkenau einige Stunden später dann auf besagtem Bordstein saß, ging ihm dieser letzte Putt natürlich wieder und wieder durch den Kopf. Ein Putt, bei dem er gedanklich auch seinem verstorbenen Vater sehr nahe gewesen ist. Arkenau hatte nun Zeit und Muße, über die Tragweite dieser phänomenalen Runde nachzudenken. „So etwas fühlt sich bedeutsamer an als ein Turniersieg“, sagt der 27-Jährige. Aber er wusste in dem Moment auch: „Mein Job ist hier noch nicht erledigt.“ Schließlich war es erst die Auftaktrunde bei diesem Turnier der drittklassigen Pro Golf Tour, auf der Arkenau nun im dritten Jahr als Profi unterwegs ist. Drei Runden sind auf dieser Tour bestenfalls zu absolvieren, vorausgesetzt, man schafft den Cut für den Finaltag der besten 40. Der Bremer führte nach diesem ersten Tag also das Klassement an – logisch. „Aber das Turnier war noch nicht gewonnen.“ Und eben deshalb war Arkenau an diesem Abend auch allein unterwegs. Bekannte von ihm, ebenfalls Tourspieler, aber deutlich schlechter platziert, hatten sich spontan für einen Besuch des parallel stattfindenden Musikfestivals „Bochum total“ entschieden. Arkenau aber setzte sich ab von der Gruppe. Kurz die Beine vertreten. Luft schnappen. Eine Pizza essen. Hinrich Arkenau wollte fit sein. Er wollte seinen Vorsprung an den beiden nächsten Tagen verteidigen – unbedingt. „Ich muss sicher spielen, Fehler vermeiden und aufpassen, dass meine Gegner nicht noch Morgenluft wittern. Die liegen auf der Lauer – und ich will nicht noch als der Dumme dastehen.“ Der Plan ging auf: Mit Runden von 65 (-7) und 68 (-4) und insgesamt 24 Schlägen unter Par hielt Arkenau seinen ärgsten Verfolger, den Engländer Ben Parker (-23), letztlich knapp auf Distanz und machte den Sieg bei diesen Open perfekt. Es war zugleich sein erster Saisonsieg. Noch dazu einer mit großer Wirkung – unabhängig von dieser magischen 59. In der am Montag veröffentlichten Weltrangliste spülte ihn dieser Turniersieg gleich um 254 Plätze nach vorne bis auf Rang 640. Und auch im Ranking der Pro Golf Tour machte er einen Satz: Als Neunter liegt Arkenau nun wieder im Dunstkreis der Aufstiegsränge. „Das Rechnen beginnt“, sagt der Bundesligaakteur vom Club zur Vahr. Nach einem eher mäßigen ersten Halbjahr mit nur zwei Top-Ten-Platzierungen darf Arkenau jetzt wieder auf einen Platz unter den ersten Fünf und den damit verbundenen Sprung auf die nächst höhere Challenge Tour hoffen. Im Oktober endet die Saison, dann wird abgerechnet. Und Hinrich Arkenau ist voller Zuversicht, den Aufstieg noch zu packen. Perspektivisch – und an diesem Ziel hält der von mehreren Sponsoren unterstützte Bremer fest – will er in die Erste Liga. Er will auf die European Tour und sich mit den besten der Szene messen. Und zwar dauerhaft. Arkenau nennt es „den Platz an der Sonne“. Reingeschnuppert hat er auf diesem Leistungslevel bereits. Mit einer Wildcard des Deutschen Golf-Verbandes ausgestattet, startete Arkenau im Juni bei den BMW Open in München. Zwar verpasste er nach Runden von 78 und 73 Schlägen deutlich den Cut und verabschiedete sich somit vorzeitig aus dem Turnier, er sagt aber auch: „So weit bin ich gar nicht entfernt von dem Niveau. Ich muss mich nur an die schwereren Plätze gewöhnen und an Feinheiten arbeiten.“ Eine Aussage, die belegt: Hinrich Arkenau hat an Selbstvertrauen hinzugewonnen. Durch die Teilnahme am Konzert der Großen in München, aber eben auch durch seine Rekordrunde und den Turniersieg in Bochum. Wenn er nun nach dem nachträglichen Geburtstagsfrühstück bei Mutter Gertrud in Lohne und einer kurzen Stippvisite in Bremen an diesem Freitag zu den Kaprun Open nach Zell am See in Österreich reist, will er seine neue Stärke erneut auf den Platz bringen. Denn Hinrich Arkenau hat sich noch einige Ziele gesetzt an diesem Abend auf der Bordsteinkante in Bochum, an seinem Abend mit der 59. Ob er auch Pizza Nummer 59 bestellt hatte, ist nicht überliefert. Aber: Als die Pizza fertig war, wurde für Hinrich Arkenau drinnen doch noch ein Platz an einem Tisch frei. Dieser Tag hatte eben doch etwas Magisches... „Die 59 ist für alle Profis ein überirdisches Ziel.“ Hinrich Arkenau Das Toursystem im Profigolfen. Der Profibereich im Golfsport gliedert sich in drei Leistungsebenen, gut zu vergleichen mit dem Ligabetrieb im Profifußball. Einsteiger beginnen auf der sogenannten Satellite Tour, das ist das dritthöchste Level und beinhaltet die vier Untergruppierungen Alps Tour, Pro Golf Tour, Nordic League und PGA EuroPro Tour. Der Bremer Jungprofi Hinrich Arkenau (27) absolviert bereits seine dritte Saison auf der Pro Golf Tour, die etwa 20 Turniere im Jahr beinhaltet. Gespielt wird in Europa, aber auch in Nordafrika. Die ersten Fünf der jeweiligen Jahreswertungen qualifizieren sich für die Challenge Tour, die die zweithöchste Ebene im Golf darstellt; Arkenau belegt nach 14 Turnieren Platz neun. Die 15 Jahresbesten der Challenge Tour wiederum erhalten für das folgende Jahr die Startberechtigung für die PGA European Tour, weitere 35 Aktive bekommen eine eingeschränkte Teilnahmeberechtigung. Gewinnt ein Spieler in einer Saison drei Satellite- oder Challenge-Turniere, darf er sofort in der nächst höheren Tour einsteigen. Anders als bei der großen Tour gehen die Satellite-Turniere der Pro-Tour jeweils über drei statt vier Tage. Nach zwei Spieltagen erfolgt der Cut, die besten 40 Akteure spielen dann am Finaltag den jeweiligen Sieger aus. Die magische 59 1977 Al Geiberger (USA) - Danny Thomas Memphis Classic (PGA Tour) 1991 Chip Beck (USA) – Las Vegas Invitational (PGA Tour) 1998 Notah Ryan Begay (USA) – Dominion Open (Nike Tour) 1999 David Duval (USA) – Bob Hope Chrysler Classic (PGA Tour) 2000 David Gosset (USA) – Qualifying School Tournament (PGA Tour) 2001 Annika Sörenstam (Schweden) - Standard Register Ping (LPGA Tour) 2004 Phil Mickelson (USA) - PGS Grand Slam of Golf (PGA Tour) 2006 Martin Kaymer (Deutschland) – Habsberg Classic (EPD Tour) 2008 Harrison Frazar (USA) – Qualifying School Tournament (PGA Tour) 2014 Kevin Sutherland (USA) – Dick’s Sporting Goods Open (Champions Tour) 2015 Will McCurdy (USA) – Callaway Gardens 3 Day (Swing Thought.com Tour) 2015 Robin Kind (Niederlande) - Sparkassen Open (Pro Golf Tour) 2017 Adam Hadwin (Kanada) - CareerBuilder Challenge (PGA Tour) 2017 Hinrich Arkenau (Deutschland) - Sparkassen Open (Pro Golf Tour) Die magischen 59er Diese 14 Spieler haben auf einem Par-72-Platz bisher eine 59er-Runde gespielt: 1977 Al Geiberger (USA) - Danny Thomas Memphis Classic (PGA Tour) 1991 Chip Beck (USA) – Las Vegas Invitational (PGA Tour) 1998 Notah Ryan Begay (USA) – Dominion Open (Nike Tour) 1999 David Duval (USA) – Bob Hope Chrysler Classic (PGA Tour) 2000 David Gosset (USA) – Qualifying School Tournament (PGA Tour) 2001 Annika Sörenstam (Schweden) - Standard Register Ping (LPGA Tour) 2004 Phil Mickelson (USA) - PGS Grand Slam of Golf (PGA Tour) 2006 Martin Kaymer (Deutschland) – Habsberg Classic (EPD Tour) 2008 Harrison Frazar (USA) – Qualifying School Tournament (PGA Tour) 2014 Kevin Sutherland (USA) – Dick’s Sporting Goods Open (Champions Tour) 2015 Will McCurdy (USA) – Callaway Gardens 3 Day (Swing Thought.com Tour) 2015 Robin Kind (Niederlande) - Sparkassen Open (Pro Golf Tour) 2017 Adam Hadwin (Kanada) - CareerBuilder Challenge (PGA Tour) 2017 Hinrich Arkenau (Deutschland) - Sparkassen Open (Pro Golf Tour)


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